„Wir sind gut zu gebrauchen!“
BfD-Leistender Philipp Leweling vor dem Altenwohnheim St. Aegidius in Rheda-Wiedenbrück.
(Foto: cpd/Tanja Münnich)
Philipp, seit knapp einem Jahr absolvierst du deinen Bundesfreiwilligendienst im Altenwohnheim St. Aegidius in Rheda-Wiedenbrück. Du beginnst im Anschluss eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Warum hast du dich entschieden, vor dem Berufseinstieg zunächst ein Jahr im Bundesfreiwilligendienst zu verbringen?
Ich habe mich zum Freiwilligendienst entschlossen, während ich im Bewerbungsverfahren bei der Volksbank war. Das dauerte relativ lange, der Ausbildungsstart 2025 war dann nicht mehr möglich. Ich wollte auf jeden Fall in dem Jahr etwas tun, keinesfalls nur zu Hause rumhocken. Ich tue gern etwas Sinnvolles. Außerdem hat meine Oma mir soviel von diesem Haus erzählt, auch sie hat sich hier ehrenamtlich engagiert. Durch meine Oma bin ich schließlich auf die Idee gekommen, mich hier zu bewerben.
Wieso ausgerechnet ein Jahr Bundesfreiwilligendienst, wenn du die Zeit auch für Reisen, Vorbereitung auf die Ausbildung oder eine persönliche Auszeit nutzen konntest?
Ich glaube, es kommt immer auf die Person an. Ich bin nicht unbedingt der Typ fürs Reisen, ich bin gerne hier zu Hause, habe meine Freunde hier, meine Familie. Ich finde es auch ganz gut, wenn man schon mal ein bisschen ins Arbeitsleben reinschnuppert. Ich hätte auch was mit Jugendlichen machen können oder ein Jahr im Kindergarten, aber ich hatte mir schon den Bereich der Altenhilfe vorgestellt. Nicht unbedingt in der Pflege, eher im Sozialdienst. Dazu helfe ich viel beim Hausmeister, daran habe ich Spaß.
Gab es in den vergangenen Monaten eine Situation, in der du gedacht hast: "Genau hier bin ich gerade richtig"?
Es ist schön, hier immer wieder Menschen zu treffen, die mich über meine Oma kennen und sich freuen, mich zu sehen. Wir wohnen hier in einer Kleinstadt und man trifft immer bekannte Gesichter. Ich bin so ein aktiver Teil dieser Ortsgemeinde. Außerdem merke ich gerade, wenn ich im Sozialdienst mithelfe, dass für die älteren Menschen so etwas wie heute Vormittag, das gemeinsame Kegeln, wirklich ein Highlight ist. Wenn sie dann merken, was alles doch noch geht, wie aktiv sie noch immer sein können. Es ist toll, wenn die älteren Menschen erkennen, wenn Aktivitäten gut funktionieren und dann ungeahnten Ehrgeiz entwickeln! Diese Aufgaben habe ich zu Beginn des BfDs auch noch mehr gemacht, der direkte Kontakt zu den Bewohnern ist wirklich schön.
Was hast du in dieser Zeit über ältere Menschen und deinen Umgang mit ihnen gelernt? Gibt es Dinge, die du vor allem über dich selber gelernt hast?
Viele Menschen haben den Eindruck, dass Menschen im Altenheim nicht mehr alles verstehen. Es gibt es hier viele liebe nette Bewohner, mit denen man sich sehr gut unterhalten kann. Und natürlich sind nicht generell alle alten Menschen gleich. Wir sind ja schließlich weiterhin Individuen, auch wenn wir alt werden. Ich habe hier viele verschiedene Charaktere kennen gelernt. Am Anfang sollte dieser Dienst für mich einfach ein Überbrückungsjahr sein. Aber mit der Zeit hat mir besonders die Abwechslung vom Handwerklichen zum Sozialen richtig viel Spaß gemacht. Es gibt natürlich auch Tage, wo ich mit dem falschen Fuß aufstehe. Dann bin ich glücklich, wenn ich draußen bin, den Rasen mähe, meine Musik auf den Ohren habe und am Ende sehe, was ich geleistet habe.
Der Bundesfreiwilligendienst wurde vor 15 Jahren als Nachfolgeangebot des Zivildienstes eingeführt. Angesichts aktueller Debatten über gesellschaftlichen Zusammenhalt und Krisenvorsorge: Was erzählst du Gleichaltrigen, die unsicher sind, wie es nach der Schule für sie weitergehen soll? Welchen persönlichen und gesellschaftlichen Wert hat dein Freiwilligendienst aus deiner Sicht?
Wir haben hier im Haus dieses Jahr vier Bufdis, zwei internationale Freiwillige und zwei Deutsche. Und ich glaube, wir sind schon recht gut zu gebrauchen. Natürlich gibt es Dinge, in denen wir nicht ausgebildet sind, aber sowas wie die Unterstützung beim Hausmeisterservice ist schon hilfreich. Zum Beispiel muss der Rasen gemäht werden, der Hausmeister ist aber gerade mit Handwerkern unterwegs. Da können wir Freiwilligen den Fachkräften den Rücken freihalten. Ich bin da im Grunde "Mädchen für alles". Außerdem freuen sich viele Bewohner hier im Haus darüber, sich mit jüngeren Menschen zu unterhalten. Es ist auch schön, wenn zusätzliche Angebote wie das Kegeln heute Vormittag stattfinden können, auch wenn es gerade personell eng ist, weil manchmal die Freiwilligen oder Ehrenamtliche einspringen. Das macht den Bewohnern viel Spaß und hält auch ein bisschen die Laune hoch.
Also eine Weiterempfehlung?
Ich würde das auf jeden Fall weiterempfehlen. Ich habe so viele Erfahrungen gesammelt, ganz unterschiedliche Menschen kennen gelernt. Ich glaube, ich nehme sehr viel mit aus der Zeit. Ich bin auch generell kein Fan davon, wenn man nach dem Abitur direkt studiert. Erfahrungen sammeln im Berufsleben ist eigentlich nie schlecht. Klar, wenn man schon ein genaues Ziel hat nach der Schule, sollte man das natürlich verfolgen. Aber ich glaube, wenn man wirklich noch nicht weiß, was man machen möchte oder sich einmal komplett umorientieren will, ist das eine sehr gute Option. Man spricht mit vielen Leuten, entwickelt sich kommunikativ weiter. Und es gibt ja die Möglichkeit auch für Menschen jenseits der 30, 40 oder 50 Jahre einen Bundesfreiwilligendienst zu absolvieren.
Was bedeutet für dich gesellschaftliche Verantwortung?
Ich finde es wichtig, sich einzubringen. Seine Steuern zu zahlen ist das eine, aber Menschen helfen, sich einsetzen dafür, dass es allen gut geht, finde ich total wichtig. Es gibt niemanden, dem ich was Schlechtes wünsche.
Philipp, du bist jetzt 19 Jahre alt. Wenn du gedanklich in die Zukunft reist - wie hat sich deine persönliche Sicht auf Altwerden geändert?
Das kommt ja darauf an, wie fit ich bin. Ich möchte natürlich gesund bleiben und alles im Alter weiterhin so können wie als junger Mensch und für mich selber sorgen. Ein Altenwohnheim ist natürlich nicht die erste Wahl. Aber wenn das eben nicht geht und man auf Hilfe angewiesen ist, ist es gut, in einer Einrichtung weiterhin mit anderen Menschen Kontakt zu haben. Man sollte sich nicht komplett von der Außenwelt abschotten. Ich würde meinen potentiellen Kindern auch nicht den Stress wünschen, sich jeden Tag um mich kümmern zu müssen.
Zum Abschluss deines Bundesfreiwilligendienstes steht in der zweiten Juliwoche die letzte Seminarwoche an. Fünf Mal treffen sich die Freiwilligen für eine Woche, um bestimmte Inhalte vermittelt zu bekommen, ihre Mit-Freiwilligen zu treffen, sich auszutauschen. Wie siehst du diese Seminare im Rückblick?
Ich habe viele andere Bufdis kennen gelernt. Es macht Spaß, sich mit anderen auszutauschen. Man lernt viel über Teamarbeit und Kommunikation, kann pädagogische oder sozialpsychologische Themen bearbeiten. Viele Freiwillige haben sich über Monate auf die Seminarwochen gefreut. Ich hatte auch ein tolles Online-Seminar. Die Präsenzwochen waren ok, aber ich wäre in der Zeit auch arbeiten gegangen. Mir hat es hier in St. Aegidius so gut gefallen, dass ich auch ohne die Seminarzeit viel gelernt hätte.
In einem knappen Monat geht dann für dich die Ausbildung bei der Bank los. Mit welchem Gefühl beendest du deine Zeit hier?
Ich freue mich auf alles, was jetzt Neues kommt. Und so ganz verlassen werde ich das Haus ja auch nicht - ich trete in die Fußstapfen meiner Oma. Ich weiß noch nicht, wie sehr mich die Ausbildung zum Bankkaufmann fordern wird, aber ich möchte als Ehrenamtlicher weiter hier mithelfen, dass es den alten Menschen gut geht. Ich bleibe dem Haus also auf jeden Fall verbunden! Das ist mein Beitrag."
(Interview: Tanja Münnich)