100 Jahre DiCV

Geschichtlicher Überblick

Es begann mit einem leeren Büro

Waren über viele Jahrhunderte hinweg in erster Linie die Ordensgemeinschaften Träger einer organisierten Caritas, ergriff im 19. Jahrhundert die „soziale Frage“ die gesamte katholische Kirche. Die industrielle Revolution hatte das jahrhundertealte gesellschaftliche Gefüge durcheinandergebracht; Verelendung, Landflucht und Bevölkerungsexplosion waren die Folgen. Um die schlimmste Not zu lindern, schlossen sich engagierte Katholiken auch im Bistum Paderborn zusammen. 1845 gründeten Frauen in Olpe, 1847 in Soest die ersten Elisabeth-Vereine zur Armenfürsorge in den Kirchengemeinden (heute Caritas-Konferenzen), Es folgten 1849 in Paderborn und 1852 in Iserlohn erste männliche Helfergruppen, die so genannten Vinzenz-Konferenzen.

Porträtfoto Bischof SchulteKarl Joseph Kardinal Schulte (1871 - 1941). Der spätere Kölner Erzbischof wirkte von 1910 bis 1920 als Bischof in Paderborn. Er reagierte als erster deutscher Diözesanbischof auf den Beschluss der Fuldaer Bischofskonferenz von 1915, diözesane Caritas-Organisationen ins Leben zu rufen, um koordinierter auf die beispiellosen Nöte des Ersten Weltkriegs zu reagieren. Am 8. Dezember 1915 gründete er in Dortmund den Caritasverband für das Bistum Paderborn. (Foto: DiCV-Archiv)

Das Bemühen um eine eigene kirchliche Wohlfahrtspflege, die sich von der als „kalt“ empfundenen staatlichen Fürsorge abheben sollte, führte zur Gründung von Krankenhäusern, Alten- und Kinderheimen. 1913 zählte allein das Bistum Paderborn 112 katholische Krankenhäuser. Gleichzeitig entstanden um die Jahrhundertwende im Bistum neue caritative Organisationen. Sie bestehen zum Teil noch heute, wie der Verein für Jugendhilfe (heute Jugendhilfe im Erzbistum Paderborn gGmbH) der Sozialdienst katholischer Frauen SkF und Männer SKM, IN VIA Katholische Mädchensozialarbeit (als „Mädchenschutzverein“ gegründet), die Josefs-Gesellschaft und der Kreuzbund.

Im Jahr 1906 wurde in Dortmund der erste örtliche Caritasverband des Bistums gegründet, nachdem ein Jahr zuvor in der Revierstadt eine der bis dahin größten Tagungen des seit 1897 tätigen Deutschen Caritasverbandes mit fast 2.500 Teilnehmern stattgefunden hatte. Themen wie „Die Frau in der Caritas“ zeugen vom frischen Wind, den die neue soziale Bewegung in die Kirche brachte. Agnes Neuhaus, selbst Dortmunderin und Gründerin des Sozialdienstes katholischer Frauen, hielt das Hauptreferat.
 

Erster Weltkrieg: Caritas braucht Koordination

Zehn Jahre später. Der Erste Weltkrieg tobt und lässt bereits das Elend und den Hunger ahnen, den er bis 1918 noch bringen wird. Die öffentliche Fürsorge steht vor nie gekannten Problemen: Millionen Männer, die einzigen Ernährer der Familien, sind im Krieg. Frauen und Kinder müssen versorgt werden. Viele dubiose private Wohltätigkeitsaktionen schießen wie Pilze aus dem Boden. Gleichzeitig ist die katholische Caritas zersplittert in Tausende örtliche Einrichtungen und Dienste. Für den Staat sind dies keine Hilfe-Strukturen, an die man anknüpfen kann. Der Deutsche Caritasverband existiert mehr oder weniger auf dem Papier – in seinen vielen Publikationen und Tagungen. Lorenz Werthmann hatte es seit 1897 nicht geschafft, die deutschen Bischöfe von der Gründung diözesaner Caritasverbände als „Unterbau“ des Deutschen Caritasverbandes zu überzeugen.


Lazarettzug der Malteserritter mit Bischof Schulte und OrdensschwesternErster Weltkrieg: Bischof Schulte (Mitte) mit Ordensschwestern und Barmherzigen Brüdern vor einem Lazarettzug der Malteserritter in Paderborn. (Foto: Archiv DiCV)

Erst als der Staat durchscheinen ließ, private und kirchliche Wohlfahrtspflege zurückzudrängen bzw. interkonfessionell zusammenzufassen, schrillten bei der katholischen Kirche die „Alarmglocken“. 1915 ließen sich die Bischöfe von Werthmann überzeugen und stellten die Gründung von Diözesan-Caritasverbänden als koordinierende Instanzen in Aussicht. Der erste Bischof, der in Westdeutschland die Initiative ergriff, war der Paderborner Bischof Karl Joseph Schulte. Für den 8. Dezember 1915 lud er 600 Vertreter der bestehenden caritativen Vereinigungen zur Gründungsversammlung des „Caritasverbandes für das Bistum Paderborn“ nach Dortmund ein. Es war eine „glänzende Versammlung“, wie er anschließend an Lorenz Werthmann telegrafierte.


Der Sitz des Verbandes war zunächst Dortmund, 1917 wurde er nach Paderborn verlegt. Mit dem jungen Vikar Aloys Braekling erhielt der Verband seinen ersten hauptamtlichen Sekretär. Braekling fand an seinem ersten Arbeitstag ein unmöbliertes Büro im Generalvikariat vor. Tisch und Stuhl musste er selbst beschaffen. Braekling fand in Paderborn ein besonderes caritatives Hilfsprojekt vor: die kirchliche Kriegshilfe, ein Suchdienst für vermisste alliierte Kriegsgefangene. Dieser Dienst konnte bis Kriegsende 66.000 Schicksale mit einem positiven Ergebnis klären.


Die Weimarer Republik eröffnete dem Caritasverband und den anderen Wohlfahrtsverbänden erstmals die Chance, als Partner im staatlichen Fürsorge-System mitzuwirken. Insbesondere das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1924, an dem u. a. Agnes Neuhaus mitgewirkt hatte, schrieb diese Partnerschaft fest. Neue Dienste entstanden, etwa die Kinder- und Müttererholung. Gleichzeitig gelang es Aloys Braekling die Caritas-Organisation auszuweiten, vor allem in die ländlichen Bereiche des Bistums. 1925 gab es bereits 27 Orts- und Kreis-Caritasverbände und 300 Orts-Caritasausschüsse in den Pfarrgemeinden. Trotz aller begeisterten Aufbrüche – es war eine bitterarme Zeit. Die zahlreichen „Anstalten“ für Kranke, Kinder, Alte oder „Krüppel“ litten unter chronischer Geldnot. Die Pflegesätze der öffentlichen Kostenträger waren minimal, ohne den Einsatz Tausender Ordensleute wäre diese Form der caritativen Hilfe nicht möglich gewesen.


Schikanen und mutiger Protest

Porträtfoto Diözesan-Caritasdirektor Rudolf DietrichUnter den Nazis in Haft: Diözesan-Caritasdirektor Rudolf Dietrich. Sein Tagebuch, das er ab 1938 führte, ist ein einzigartiges Dokument über die Arbeit der Caritas in einem totalitären Staat. (Foto: DiCV Archiv)

In der Zeit des Nationalsozialismus war die Arbeit der Caritas durch das Konkordat von 1933 zwar theoretisch abgesichert, doch in der Praxis durch zahlreiche Schikanen beschnitten und auf den kirchlichen Bereich eingeengt. Diözesan-Caritasdirektor Rudolf Dietrich wurde immer wieder verhört. Im März und April 1942 saß er für 50 Tage in Haft. Die „Vergehen“ der Caritas reichten vom verbotenen Versand so genannter „Liebespäckchen“ an Pfarrangehörige in der Wehrmacht bis zur Evakuierung von ausgebombten Städtern, was der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt vorbehalten war. Oft genügte schon eine Caritassammlung, um wegen Verstoßes gegen das Sammlungsgesetz belangt zu werden.


Gegen die Zwangssterilisierung so genannter Erbgeschädigter regte sich Widerstand innerhalb der katholischen Schwesternschaft des Erzbistums Paderborn. Caritasdirektor Ahlbäumer berichtete über Dienstniederlegungen katholischer Krankenschwestern. Gegen die planmäßige Tötung „unwerten Lebens“ im Rahmen der Euthanasie-Aktion T 4 protestierte 1941 Weihbischof Augustinus Baumann beim Landeshauptmann in Münster. Erschütternd sind die Berichte der Paderborner Vinzentinerinnen, die als Pflegerinnen in der damaligen Provinzialanstalt für Geisteskranke in Warstein arbeiteten. Mit Hunderten von Briefen hatten sie Eltern und Verwandte der Patienten angefleht, ihre Angehörigen aus der Einrichtung abzuholen, um sie vor der Ermordung zu bewahren - vergeblich. Nur wenige Kranke konnten die Schwestern durch Verlegung in ordenseigene Krankenhäuser retten.

Prälat Paul Kewitsch übergibt ein Care-Paket an eine bedürftige Frau.Care-Pakete fürs Überleben. Prälat Paul Kewitsch koordinierte seit Oktober 1945 im Auftrag des Diözesan-Caritasverbandes Paderborn die Unterstützung für Heimatvertriebene. Das Foto entstand ca. 1947. (Foto: Nies /Stadtarchiv Lippstadt 0497 e 61)

Zwei Kinder erhalten eine SuppeHungerjahre - „hohe Zeit“ der Caritas. Suppenküchen (hier in Hamm 1948) gehörten zu den wichtigsten Diensten, prägten das Image der Caritas. (Foto: Walter Nies / Stadtarchiv Lippstadt 702 g 044)

 

 

 

Hungerjahre und Aufbruch

Die Nachkriegsjahre waren die „hohe Zeit“ der Caritas. Während das Land in Trümmern lag, war die Organisation der Caritas intakt. Sachspenden aus dem Ausland („Care-Pakete“) konnten über Caritas-Stellen vor Ort weitergeleitet werden. Vor allem bei der Versorgung von Vertriebenen waren solche Strukturen wichtig. Schon im Oktober 1945 stand mit der Katholischen Osthilfe ein neues Hilfswerk für Vertriebene zur Verfügung. Im damaligen Ostteil des Bistums mobilisierte der kleine Caritasverband in Halle ab März 1948 alle Kräfte. Während der Berlin-Blockade verteilten die Caritas-Helfer alle ausländischen Hilfssendungen in die gesamte damalige Ostzone.


Erschöpfte Mütter werden von Caritas-Schwestern betreutNach der Verrohung der Gesellschaft durch die Nazi-Barbarei stand in den 50er Jahren die Sorge um intakte, „heile“ Familien im Mittelpunkt. Müttergenesung und – neu - Familienpflege waren Schwerpunkte des Diözesan-Caritasverbandes. (Foto: DiCV-Archiv)

Der Ausbau der beruflichen Caritas deutete sich bereits 1948 an, als der Diözesan-Caritasverband in Bochum, damals Erzbistum Paderborn, die erste Ausbildungsstätte für Familienpflege eröffnete. Das Bundessozialhilfegesetz von 1961 sorgte für eine weitere Dynamik; neue Dienste wie Erziehungsberatungsstellen entstanden. Sozialstationen lösten ab 1971 das von Ordensschwestern getragene System der häuslichen Krankenpflege ab. Auch das äußere Bild der Caritas wandelte sich. Ob in Krankenhäusern, Altenheimen, Kinderheimen oder KItas: immer weniger Ordensleute standen als Mitarbeiter(innen) zur Verfügung. Ihre Zahl sank im Erzbistum Paderborn von 7.036 im Jahr 1947 auf aktuell 168 (bei 56.000 Caritas-Beschäftigten). Auch inhaltliche und berufliche Standards entwickelten sich Ende der 60er Jahre. Trotz aller Professionalisierung „boomte“ das Caritas-Ehrenamt. Dafür sorgte u. a. der damalige Vorsitzende des Verbandes, Weihbischof Paul Nordhues. Unterstützung fand er dabei in Maria Reichmann, die über 40 Jahre hinweg die Geschicke der „Elisabeth-Vereine“, der heutigen Caritas-Konferenzen steuerte.
 

Neuordnung und Standortbestimmung

Die erste Sozialstation in PaderbornIm Januar 1971 eröffnete in Paderborn unter dem Namen Zentralstation eine der ersten Sozialstationen der Caritas in Deutschland. (Foto: Caritas im Blick / Archiv DiCV Paderborn)

Ende der 60er Jahre erfolgte die rechtliche Neuordnung der verbandlichen Caritas. Aufgrund der gestiegenen Mitarbeiterzahlen und der Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand mussten arbeitsrechtlich unanfechtbare Anstellungsträger geschaffen werden. Die Caritasverbände gaben sich die Rechtsform von „eingetragenen Vereinen“, so auch der Diözesan-Caritasverband im Jahr 1973. Nach der Phase der Expansion der Dienste erlebte die verbandliche Caritas in den 1990er Jahren einen Prozess der Standortbestimmung. Dies drückte sich z. B. in der Entwicklung von Leitbildern aus. Auch der Diözesan-Caritasverband beschrieb 1998 das besondere Profil der Caritasarbeit im Erzbistum Paderborn. Seit 1967 prägte Prälat Joseph Becker (1929 - 2012) zunächst als Direktor, von 1973 bis 2002 als Vorsitzender den Verband. Als erster Laie wurde Hans Wilk 1973 Diözesan-Caritasdirektor (Geschäftsführer), ihm folgte 1991 Volker Odenbach und 2009 Josef Lüttig. Den Vorsitz übernahm 2013 Domkapitular Dr. Thomas Witt von Weihbischof Manfred Grothe.


Abstimmung in der DelegiertenversammlungDer Diözesan-Caritasverband ist damals wie heute ein reiner Spitzenverband, d. h. ein Zusammenschluss caritativer Träger in der Erzdiözese, deren Vertreter ein Mal jährlich zur Delegiertenversammlung eingeladen sind.(Foto: Jürgen Sauer)

Im Diözesan-Caritasverband sind heute 23 örtliche Caritasverbände, sechs diözesane Fachverbände und 89 korporative Mitglieder wie etwa die Träger katholischer Krankenhäuser, Alten- oder Behindertenhilfe-Einrichtungen zusammengeschlossen. Der Verband vertritt damit als Spitzenverband rund 2000 Dienste und Einrichtungen mit ca. 56.000 Beschäftigen. Hinzu kommen etwa 23.000 Ehrenamtliche, die sich für den Nächsten engagieren. Wie bereits 1915 von Bischof Schulte gewollt, ist es Sache des Diözesan-Caritasverbandes, die Arbeit vor Ort zu unterstützen. „Die zusammenfassenden caritativen Verbände sollen nur sorgen, dass in den Vereinen in dem rechten Geiste und in der rechten Ordnung gearbeitet wird, so dass keine Bedürfnisse übersehen werden, dass aber auch in derselben Sache keine zweifache und darum unnötige Arbeit geschehe.“