Der Pflegenotstand ist in aller Munde. „Er war lange angekündigt. Seit letztem Jahr trifft er uns mit voller Wucht“, sagt Christoph Menz vom Diözesan-Caritasverband. Umso wichtiger sei es, den vorhandenen Pflegekräften gute Arbeitsbedingungen zu bieten. Doch dabei hapert es. „Es gibt eine hohe Unzufriedenheit der Pflegenden mit Arbeitszeitregelungen und Dienstplangestaltung“, stellte Prof. Dr. Knut Dahlgaard bei einem Pflege-Fachtag des Diözesan-Caritasverbandes in Paderborn fest.
Einspringen-Müssen, wenig Einfluss auf die Arbeitszeit, kaum Zeit für eine Pause – die Liste der Klagen der Pflegekräfte sei lang. Vor allem der plötzliche Ausfall von Personal sei gerade im Pflegebereich eine Belastung für die übrigen Beschäftigten. Doch Probleme, die aus Krankheit von Mitarbeitern entstünden, seien „keine Naturkatastrophe, sondern ein Organisationsversagen“, betonte Dahlgaard, Experte im Prozess- und Personalmanagement im Gesundheitswesen aus Hamburg. Denn, dass durchschnittlich täglich etwa sechs bis sieben von 100 Pflegekräften krank seien, könne man der Arbeitszeit-Statistik entnehmen. „Jede Pflegeeinrichtung muss ein Konzept für Ausfälle haben“, betonte er. Den anwesenden Verantwortlichen empfahl er als realistische steuernde Personalmaßnahme, ein Zusammenspiel von kurzfristigen Umsetzungen innerhalb der Einrichtung, dem Installieren einer vergüteten Rufbereitschaft von Mitarbeitern sowie einem zusätzlichen Pool von qualifizierten Pflegekräften, die nicht im normalen Dienstplan auftauchen und flexibel eingesetzt werden können. Für dieses Konzept müssten auch kritische Punkte besprochen werden, wie etwa die zumutbare Mindestbesetzung in einer Abteilung. Erfahrungsgemäß hätten Leitungskräfte und Mitarbeiter da sehr unterschiedliche Vorstellungen. „Stellen Sie sich auf umfangreiche Diskussionen ein“, sagte Dahlgaard. „In jedem Fall müssen die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen so gestaltet werden, dass sie mit anderen Dienstleistungsbereichen konkurrieren können“, betonte er.
Ein Modell zur konkreten Berechnung des Personalbedarfs in der ambulanten Pflege als Grundlage für verlässliche Einsatzzeiten stellte Anne Goldbach, Leiterin der Sozialstationen beim Caritasverband Paderborn, vor. Ziel sei die Entlastung der Mitarbeiter, die schließlich „das wichtigste Gut“ seien, sagte sie. „Wir legen Wert auf gute Arbeitsbedingungen und die Vermeidung von Überlastung.“ Als Grundlage für die Einsatzplanung werde die im Jahr zur Verfügung stehende Zahl der Mitarbeiterstunden berechnet und dabei die durchschnittliche Krankheitszeit, die Fahrzeiten zwischen den Klienten sowie Zeiten für Organisation und Fortbildung berücksichtigt. Teildienste, bei denen gerade in der ambulanten Pflege Mitarbeiter morgens und abends, mit einer langen Pause dazwischen, arbeiten, seien wegen Unzumutbarkeit abgeschafft worden.
Eine „eierlegende Wollmilchsau“ der Personalplanung präsentierte nach den Worten von Moderatorin Ulrike Hackenholt Nicole Ott aus Großostheim mit der „Zentralen Einsatzplanung“. Dabei werde der „Zeitfresser Dienstplan“ von den Verantwortlichen an eine eigens eingerichtete Sachbearbeitung ausgegliedert und setze Kapazitäten bei den bisher verantwortlichen Pflegefachkräften frei. Die zentrale Personalplanung könne etwa auch individuelle Wünsche von Mitarbeitern, etwa alleinerziehenden Müttern, nach flexiblen Arbeitszeiten berücksichtigen.
Einen Einblick in die Praxis von Bemühungen, den Dienstplan familienfreundlich und an den Lebensphasen der Mitarbeiter orientiert zu gestalten, lieferte Nancy Teltz von der Caritas-Trägergesellschaft St. Mauritius in Magdeburg. Nicht nur angesichts der Personalnot gelte es, die Wünsche der Mitarbeiter zu respektieren. „Da ist ein Kulturwandel nötig.“ Potenzielle Mitarbeiter müssten sich nicht mehr bewerben. „Wir müssen uns bei ihnen bewerben.“ Das bestätigte auch Christoph Menz vom Diözesan-Caritasverband Paderborn. „Das Ringen um die Ressource Mitarbeiter wird sich noch verschärfen.“
