|
|
|
„Nicht nur den status quo beklagen“: Über 100 Pflegekräfte diskutierten beim Pflege-Forum des Diözesan-Caritasverbandes Konzepte für eine zukunftsfähige Pflege (Foto: cpd/Vieler) |
Ob Roboter in Zukunft Teile der Kranken- und Altenpflege
übernehmen müssen, war nur eine der Fragen, die beim Caritas-Forum Pflege des
Diözesan-Caritasverbandes in Paderborn auf der Tagesordnung standen. Unter dem
Titel „(Selbst)Bewusst in die Zukunft“ machten sich etwa 100 Fachleute aus dem
Pflegesektor Gedanken über zukünftige Versorgungsmodelle. Auf dem Hintergrund
von demografischer Entwicklung, Fachkräftemangel und hohem Altersdurchschnitt
der derzeitigen Mitarbeiter (48 Jahre) müssen neue Konzepte entwickelt werden.
Dabei zog sich das Thema Demenz wie ein roter Faden durch die Veranstaltung.
Seit Jahren sei ein steigender Versorgungsbedarf der Bevölkerung über alle
Sektoren des Gesundheitswesens hinweg festzustellen, sagte Brigitte von
Germeten-Ortmann, Organisatorin der Tagung beim Diözesan-Caritasverband. Sie
stellte eine zunehmende Arbeitsverdichtung bei den Mitarbeitern in der Kranken-
und Altenpflege fest. Diese beruhe vor allem auf der immer kürzeren
Verweildauer der Menschen in den Einrichtungen. Zudem habe die Zahl der
Mitarbeiter trotz steigender Einstellungen in den vergangenen drei Jahren immer
noch nicht den Stand des Jahres 2000 erreicht. Rund vier Millionen Menschen
seien in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2008 im Krankenhaus behandelt worden. Sie
seien von rund 85 000 Pflegekräften versorgt worden. Durchschnittlich sei jeder
Patient 8,6 Tage stationäre behandelt worden.
Im Bereich der stationären Altenpflege sei die Zahl der Bewohner von knapp 130
000 auf 145 000 gestiegen. Immer mehr Bewohner litten unter dementiellen
Veränderungen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Altenheim betrage nur
noch sechs Monate, weil die meisten Bewohner erst als schwere Pflegefälle ins
Heim kämen. In ganz NRW seien 180.000 Kräfte im Bereich der Kranken-,
Kinderkranken- und Altenpflege tätig. Um eine optimale Versorgung zu gewährleisten,
müssten in Deutschland zusätzliche 16 000 Vollzeit-Pflegekräfte gewonnen
werden, habe das Deutsche Institut für Pflegeforschung ermittelt.
In verschiedenen Diskussionsforen suchten die Teilnehmer aus ihrer konkreten
Praxis Lösungswege für die Zukunft. Im Mittelpunkt müsse die Orientierung an
den Bedürfnissen der Patienten bzw. Bewohner stehen. Wegen der steigenden Lebenserwartung
litten diese zunehmend gleichzeitig an mehreren Erkrankungen. Über 96 Prozent
der über 70-Jährigen wären von dieser so genannten Multimorbidität betroffen
und bedürften daher einer immer spezielleren und intensiveren Pflege. Immer
mehr beeinflussten auch Demenzerkrankungen in allen ihren Facetten das Bild der
zukünftigen Pflege. Über 280 000 Neuerkrankungen gäbe es in Deutschland
jährlich.
In ihrer täglichen Arbeit machten die Teilnehmer eine Diskrepanz zwischen
Anspruch und Machbarkeit aus. Viele der in der Theorie entwickelten Konzepte
scheiterten an der Pflegewirklichkeit, waren sich die Praktiker einig.
Hilfreich könnten in bestimmten Bereichen technische Hilfsmittel sein.
Skeptisch standen die Pflegekräfte aber Neuentwicklungen wie
Verhaltensmonitoring, Sensoren ähnlich einer elektronischen Fußfessel oder gar
der Versorgung von Patienten durch Roboter gegenüber. Derzeit würden Systeme
entwickelt, die etwa Essen verteilen oder einfach Bringdienste erledigen
können.
Zu Beginn des Workshops hatte Diözesan-Caritasdirektor Josef Lüttig auf die
Verantwortung der Caritas hingewiesen, sich im Sinne der von ihr betreuten Patienten
und Kunden in diese Diskussion einzumischen und nicht den Status quo zu
beklagen. Immerhin bedrohe der Fachkräftemängel im Bereich Pflege auch die
Existenz der eigenen Einrichtungen.