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Rund 300 Fahrzeuge der Wohlfahrtsverbände im Kreis Gütersloh machten mit einem Autokorso auf die ruinöse Entwicklung im Bereich der häuslichen Pflege aufmerksam. (Foto: cpd / Leskovsek) |
Das hat es in Gütersloh noch nicht oft gegeben: Ein insgesamt
etwa drei Kilometer langer Autokorso schob sich am 23. April zur Mittagszeit durch
die Innenstadt. Rund 300 Fahrzeuge der Wohlfahrtsverbände im Kreis machten
damit eindrucksvoll auf die ruinöse Entwicklung im Bereich der häuslichen
Pflege aufmerksam. Ziel der Fahrzeuge war die Regionaldirektion der AOK. Die
Demonstration am 23. April war eine der größten Aktionen der landesweiten
Kampagne der Wohlfahrtspflege für den Erhalt der ambulanten Pflege. Zeitgleich
fanden ähnliche Aktionen in Minden und Höxter statt.
Das Maß ist voll – da sind sich im Kreis Gütersloh alle Anbieter häuslicher
Pflege einig. Das Fass zum Überlaufen brachte das jüngste Entgelt-Angebot der
Krankenkassen. „Es kommt de facto einer Verschlechterung von 0,6 Prozent
gleich“, bedauert Matthias Timmermann, Vorstand des Caritasverbandes für den Kreis
Gütersloh. Dieses Angebot der Kassen sei meilenweit von der Forderung der
Freien Wohlfahrtspflege entfernt. Die Mitgliedsverbände halten ein
Vergütungs-Plus von 13 Prozent für dringend notwendig. Steigende Energie- und
Personalkosten und Mehraufwände wegen strengerer Auflagen müssen refinanziert
werden. Burkhard Kankowsi, Geschäftsführer des Daheim e.V.: „Es ist für alle
selbstverständlich, dass der Kunde in einer KFZ-Werkstatt Stundensätze von 50
bis 60 Euro bezahlt. In der ambulanten Pflege erreichen wir oft nicht einmal
die Hälfte.“
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Mitarbeiter ambulanter Pflegedienste der Freien Wohlfahrtspflege forderten in Gütersloh mehr Zeit für ihre Arbeit. (Fotos: cpd / Leskovsek) |
Der Kostendruck hat Folgen: Nicht selten müssen in einer
vierstündigen Pflegedienst-Tour 16 und mehr Menschen versorgt werden, vor zehn
Jahren waren es noch zwei bis drei Menschen weniger. Für das Setzen einer
Insulinspritze und einen Verbandswechsel hat eine Pflegekraft gerade einmal zwölf
Minuten Zeit, Anfahrt und Dokumentations- und Schreibarbeiten inbegriffen. Den
steigenden Druck spüren auch die Patienten. „Sie haben das Gefühl, dass die
Pflegekraft schon wieder weg ist, bevor sie richtig bei ihnen angekommen ist“,
heißt es bei den Verbänden. Ingo Hansen (Geschäftsführender Vorstand der
Diakonie im Kirchenkreis Halle) hält das Gebaren der Krankenkassen für
unredlich: „Indem Sie uns trotz voller Kassen immer wieder drücken, gefährden
sie die Existenz der Pflegedienste. Die Arbeitsbedingungen verschärfen sich.
Dadurch haben wir Probleme, Personal zu finden. Und es wird immer schwieriger,
echte ´Pflege am Menschen‘ zu leisten.“
Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege sehen sich deshalb bei der
Protestaktion in einem Boot mit ihren Mitarbeitern. Um sie und um die Zukunft
der Pflege geht es. Burkhard Kankowsi: „Wenn die Gesellschaft nicht bereit ist,
mehr für die Pflege zu bezahlen, werden wir irgendwann keine Pflegekräfte mehr
haben.“