„Man erfährt so viel Dankbarkeit“

„Ich bin nicht der Typ, der den ganzen Tag vor der Glotze sitzt und wartet, bis es Abend wird.“ Ruth Pilgrim (69) beim Besuchsdienst in ihrem Wohnviertel  „Ich bin nicht der Typ, der den ganzen Tag vor der Glotze sitzt und wartet, bis es Abend wird.“ Ruth Pilgrim (69) beim Besuchsdienst in ihrem Wohnviertel (Foto: Sauer)

"Ich bin nicht der Typ, der den ganzen Tag vor der Glotze sitzt und wartet, bis es Abend wird", sagt Ruth Pilgrim (69) aus Spenge (Kreis Herford). Vielleicht liege es an ihren süddeutschen Wurzeln  - ihre Eltern stammen aus Unterfranken - oder auch einfach nur daran, dass sie es allemal spannender finde, mit Menschen in Kontakt zu kommen, als am Leben nur indirekt teilzuhaben, via Fernsehen oder Internet. "Ich liebe es, persönlich mit Menschen zu reden." Jeder habe etwas zu sagen, könne interessante Geschichten erzählen. Schade sei es, dass sich viele Menschen heute diese Chance entgehen ließen. Etwa durch die Fixierung aufs Smartphone. Sie jedenfalls zieht authentische menschliche Begegnungen vor - und hat jede Menge Spaß dabei.

"Ich bin ein echter ´Caritas-Dino`", sagt sie gerne über sich. Seit 35 Jahren engagiert sich Ruth Pilgrim in der Caritas-Konferenz ihrer Gemeinde St. Joseph, führt die Konferenz-Kasse und hat ihren festen "Bezirk". In den Straßen ihres Wohnviertels besucht sie Alte oder Kranke, bittet bei Haussammlungen zwei Mal im Jahr um Spenden. Auch eine Seniorenresidenz liegt dort. Für manche Bewohner ist der Besuch von Ruth Pilgrim der einzige Kontakt in die Außenwelt. Oft erfährt sie traurige Geschichte über zerbrochene Familien, unter denen gerade Menschen am Lebensende leiden. "Aber es ist auch immer wieder erstaunlich, wie viel Freude man mit kleinen Dingen machen kann, und wenn es nur ein bekanntes Lied ist, das man gemeinsam singt."

Diese oft unscheinbaren Formen der Zuwendung sind es, die das Leben für Ruth Pilgrim bereichern. "Man erfährt so viel Dankbarkeit."  Sie selbst hatte das Glück, Beruf, Familie und Ehrenamt ideal miteinander verbinden können. Als Pfarrsekretärin in den katholischen Gemeinden von Spenge und Enger war sie über mehr als 20 Jahre Ansprechpartnerin für viele Menschen, ob in Freud´ oder Leid. Auch ihr lokalpolitisches Engagement - Ruth Pilgrim ist stellvertretende Bürgermeisterin von Spenge - verschafft ihr Einblicke in die soziale Situation vieler Haushalte. Eines aber ist für ihre Form des Engagements typisch: Was sie anfängt, ist auf Dauer angelegt: "Ich bin in allem sehr treu." In dieser Beständigkeit blitzt dann schließlich doch etwas typisch Westfälisches bei ihr auf.