"Ich bin bereit zu sterben. Ich möchte nur nicht in Gefangenschaft geraten." Diese Worte einer 19-jährigen Protestierenden sind paraphrasiert über Kontakte aus dem Iran übermittelt worden. Sie beschreiben eindrücklich, wie viel Angst gegenüber der Regierung der islamischen Republik vorhanden ist und wie viel Mut es gleichzeitig erfordert, dennoch auf die Straße zu gehen.
Seit dem 28.12.2025 gibt es eine Protestwelle im Iran, welche zunächst ökonomisch, dann jedoch politisch motiviert ist und in der die Bewegung explizit einen Regimewechsel fordert. Sie gliedert sich damit in eine Reihe von Protesten gegen das Regime, die in den vergangenen Jahren immer wieder aufflammt.
Die Antwort der Regierung der Islamischen Republik war und ist massive Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, willkürliche Inhaftierungen sowie ein telekommunikativer Blackout. Die Opferzahlen lassen sich aufgrund der Informationsblockade nicht vollständig beziffern, dürften jedoch mehrere tausend Menschen umfassen. Darüber hinaus gibt es weit mehr Verwundete, Inhaftierte und Erblindete.
Mittlerweile sind die Proteste aufgrund des hoch repressiven öffentlichen Raumes, der durch tödliche Gewalt und massive Präsenz teils schwer bewaffneter Milizen, Söldner und Soldaten geprägt ist, zurückgegangen. Gleichzeitig wird berichtet, dass Angehörige für den Erhalt des Leichnams eines Verstorbenen einen Preis pro Kugel im Körper des Verstorbenen bezahlen müssen, um eben jenen erhalten zu können und angemessen zu bestatten. Eine Entwürdigung, die selbst nach dem Tode fortgeführt wird.
Caritas-Direktor Ralf Nolte appelliert mit Blick auf den Iran: Gewalt ist kein Ausdruck von Stärke(Foto: cpd)
Der gesellschaftliche Widerstand verlagert sich unter diesen Bedingungen in weniger sichtbare oder symbolische Formen. Diese Entwicklungen weisen auf schwerwiegende und systematische Verletzungen grundlegender Menschenrechte hin. Der Caritasverband für das Erzbistum Paderborn e.V. verurteilt diese Entwicklungen daher zutiefst.
"Die Situation ist kein fernes Geschehen", betont Caritas-Direktor Ralf Nolte, der auch Flüchtlingsbeauftragter des Erzbistums Paderborn ist. "Internationale Menschenrechtsorganisationen betonen wiederholt, dass die Auswirkungen der Politik der Islamischen Republik, unter anderem durch die Islamische Revolutionsgarde (IRCG) oder ihre terroristischen Stellvertreter, sowohl in Westasien als auch in Europa spürbar sind. Nordrhein-Westfalen ist außerdem eines der wichtigsten Zentren der iranischen Diaspora in Deutschland. Viele hier lebende Menschen sind durch familiäre Bindungen, transnationale Repression und anhaltende Sorge unmittelbar betroffen.
In Anlehnung an die politische Theorie, insbesondere an Hannah Arendt, gilt: Wo staatliche Herrschaft dauerhaft auf Gewalt angewiesen ist, sind politische Macht und gesellschaftliche Zustimmung bereits erodiert. Gewalt ist kein Ausdruck von Stärke, sondern ein Symptom tiefgreifender Legitimationsverluste. Die moralische und politische Repräsentationsfähigkeit des Regimes gegenüber der eigenen Bevölkerung ist damit schwerwiegend infrage gestellt.
Eben jenes Verständnis von verantwortlicher Herrschaft findet sich ebenfalls in der Bibel: Der iranische Herrscher Kyros der Große wird jemand beschrieben, der Macht mit Gerechtigkeit, dem Schutz der Schwachen und der Verantwortung für gesellschaftliche Ordnung verbindet. Wo Gewalt und Willkür überhandnehmen, verliert Herrschaft ihre moralische Legitimität. Sein Kyros-Zylinder wird heute, unter anderem von den Vereinten Nationen, als historisches Zeugnis für Werte verstanden, die wir mit dem Begriff der universellen Menschenrechte verbinden.
Vor diesem Hintergrund ist es als Caritas unsere Aufgabe, betroffene Menschen zu unterstützen und ihre Perspektiven ernst zu nehmen. Gleichzeitig appellieren wir an die Politik und zuständige Behörden in Deutschland und Europa, den Schutz gefährdeter Menschen aus dem Iran konsequent sicherzustellen. Es ist unser aller Aufgabe bei schweren Menschenrechtsverletzungen nicht wegzuschauen, sondern konsequent zu handeln. Schwerste Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht folgenlos bleiben."