Diözesan-Caritasverband Rottenburg-Stuttgart, 22.03.2006

Caritas fordert: Mit Einzelprojekten ist keine verlässliche Sozial- und Bildungspolitik zu machen

Mangelnde Bildungschancen für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien zementieren soziale Stellung - Armut wird erblich

 

Stuttgart, 22. März 2006 (cpd). Zweifel an der Verlässlichkeit und Nachhaltigkeit aktueller bildungspolitischer Projekte in Baden-Württemberg hat der Caritasverband Rottenburg-Stuttgart angemeldet. So werde die dringend notwendige Sprachförderung von ausländischen und deutschen Kindern im Kindergarten bis jetzt vor allem aus Mitteln der Landesstiftung finanziert und sei nicht im Landeshaushalt "abgesichert", bemängelt Caritasdirektorin Dr. Irme Stetter-Karp. Die Erfahrung zeige aber, dass "Nachhaltigkeit mit Anschubfinanzierung nicht zu erreichen" sei. Darum entscheide sich für die Caritas "auch die Tragfähigkeit der Idee ‚Kinderland Baden-Württemberg' vor allem daran, was "davon am Ende mittelfristig im Haushalt gesichert wird". Das gelte vor allem für das Thema "Bildung", denn da sei Baden-Württemberg nach wie vor "kein Musterländle", so Stetter-Karp. Weitere Versäumnisse, besonders in der Sprachförderung aber seien "fatal", vor allem für Kinder aus benachteiligten deutschen und ausländischen Familien. Für sie wirke sich mangelnde Förderung und "die frühe Segmentierung nach der vierten Klasse besonders verheerend aus." Das zeige sich im Übergang zu einer weiterführenden Schule (60% der ausländischen SchülerInnen besuchen die Hauptschule, lediglich 16% ein Gymnasium, während 22% der deutschen Schülerinnen in der Hauptschule, dagegen 43% der deutschen in einem Gymnasium sind) und in logischer Folge auch im durchschnittlich deutlich niedrigeren Ausbildungsniveau von ausländischen jungen Menschen. "Das System Schule muss an den entscheidenden Übergängen durchlässiger werden", fordert darum Irme Stetter-Karp. Es müsse "deutlich mehr um Integration statt um Trennung und Aufteilung" gehen; denn "hier entscheiden sich Lebenschancen", betont die Caritasdirektorin.

Inzwischen aber sei vielfach belegt, dass in kaum einem anderen Land der Welt die soziale Stellung der Familie nach wie vor so sehr über die Bildungs- und damit die Zukunftschancen eines Kindes entscheiden wie in Deutschland. "Armut wird so vererbt in diesem Land. Und das ist ein Skandal!", so Stetter-Karp. Aus Sicht der Caritas müsse darum "jetzt alles getan werden, um vor allem ausländische Familien und Familien, die am Rand des Existenzminimums leben, auch in ihrer Bildungsfunktion zu stärken." Für Caritasdirektorin Stetter-Karp zeigt sich nicht zuletzt in solchen "gesellschaftlich hochbrisanten Zukunftsfragen", dass "wir in Baden-Württemberg dringend ein ressortübergreifendes Konzept" brauchen, wie es die Caritas schon lange fordert: ein Konzept, das "Bildungspolitik auch als Familienpolitik begreift und umgekehrt."

 

 

Hintergrund:

 

· Artikel 11 Landesverfassung Baden-Württemberg:

Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage das Recht auf eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung.

 

· Unter dem Titel "Familie - Kinder - Armut? Wo drückt der Schuh im Ländle" hat Diözesancaritasdirektorin Dr. Irme Stetter-Karp im Vorfeld der Landtagswahlen im Rahmen eines "politischen Nachtcafes" in Göppingen, Tuttlingen, Neckarsulm und Ravensburg mit den jeweiligen Landtagskandidaten über die Situation von Familien in Baden-Württemberg diskutiert. Dabei ging es auch um Rahmenbedingungen und verlässliche Begleit- und Unterstützungssysteme, die Familien brauchen, um die Herausforderungen als "Familie heute" bewältigen zu können. Das Themenfeld "Bildung und Familie" hat unter dem Leitgedanken "Bildungschancen stärken Familie" jeweils eine wichtige Rolle gespielt.

Ergänzende Erfordernisse zu den in der Presse-Information benannten Forderungen aus Sicht der Caritas im Überblick:

Ausländische Familien und Familien, die am Rand des Existenzminimums leben, sind nicht "per se" ein Problem. Aber sie verlangen ein besonderes Augenmerk, damit ihre gesellschaftliche Integration gelingen kann:

* Familienorientierte Sprachförderung und alltagsnahe, ganzheitliche Bildung von Kindern und Müttern mit Migrationshintergrund brauchen eine besondere Priorität. Die Caritas plädiert für eine frühest mögliche Förderung, um Entwicklungslücken rechtzeitig zu erkennen und auszugleichen.

* Ebenso gilt es, deren Kommunikationskompetenz innerhalb der Familie und im sozialen Umfeld, deren Alltagsfähigkeiten und Wissenserwerb gezielt zu fördern. Denn diese Kompetenzen sind in hohem Maße bildungsrelevant und darum zentrale Voraussetzung für individuelle Zukunftschancen und gesellschaftliche Integration.

* Die Ganztagesschule gilt es flächendeckend als Ort der Bildung, Erziehung und Betreuung auszubauen, sowie durch außerschulische Aktivitäten und Unterstützungen zu flankieren, um Kindern und Jugendlichen Räume der nachholenden Sozialisation und Bildung zu eröffnen und sie zu befähigen, ihre Lebenswelt mitzugestalten.

* In Klassen mit überproportional vielen Kindern und Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten sollen Schulhelfer/innen eingesetzt werden, die rechtzeitig und gezielt mit den schwächeren Schüler/innen arbeiten können, damit größere (Wissens-)Lücken erst gar nicht entstehen.

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